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FÜR FREIHEIT, RECHT UND DEMOKRATIE Nr. 9/2017

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Auch Geist und Seele brauchen Nahrung

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Warum mussten wir flüchten? Wenn die Heimat eine Hölle geworden ist, muss man fliehen.

 

 

1954 sind meine Eltern vor der blutigen Landreform des kommunistischen Regimes , von Nord   nach Süd VN geflüchtet.   Ich war damals 3 Jahren alt.

 

Wir gehörten zu den 1 Millionen Nordvietnamesen, die sich in dieser Zeit in Süd VN niedergelassen haben. 

 

Im Süd VN arbeitete mein Vater bei der staatlichen Eisenbahngesellschaft in Qui Nhon. Von 55 bis 59 hatten wir noch Frieden im Land, obwohl der Guerillakrieg von den Vietcongs bereits 57 begonnen hatte.

 

1960 wurde mein Vater wegen zunehmender Angriffe der Vietcongs auf die Eisenbahn , nach Saigon zurück beordert. Kurz darauf wurden Bahngleise und Züge durch die ständige Minensprengungen der Vietcongs völlig zerstört so dass die Eisenbahnverbindung in Süd VN  nicht mehr funktionierte .

 

In der großen Stadt Saigon hatte ich meine schulische Ausbildung fortgesetzt und anschließend das Medizinstudium an der Saigon Universität absolviert.

 

Der Krieg wurde in Saigon nur in Form von Terroristischen Anschlägen wie z.B. Granatenattentate im Stadtzentrum oder Raketenangriffe aus dem Umland in die Stadt …wahrgenommen. Die Klassenfahrten außerhalb Saigon wurden wegen verminten Straßen lebensgefährlich.

 

Junge Männer aus Süd VN wurden in den Krieg eingezogen. Sie kämpften für uns,  für die Menschen in Saigon  in Frieden zu leben, in Frieden zu studieren … Millionen Menschen wurden im Kriegsfeld getötet, wurden verwundert und sind Opfer der  Massaker  von VC wie in der Tet Offensive 1968  geworden. Sie alle waren unsere Väter, Brüder, Klassenkameraden und Freunde.

 

Trotz der offensiven Attacke des VC in allen Bereichen, sowohl  politisch als auch militärisch , in Süd VN hatte die Republik VN folgendes erreicht : 

  

1.  einen Rechtstaat  mit Einhaltung der Grundsätze der Menschenrechte aufzubauen.

2.  ein kostenloses staatliches Schulsystem bis zur Universität zu erschaffen und kostenlose staatliche Krankenhäuser anzubieten

3.  Kulturelles Leben zu fördern. Wir hatten tausende Schriftsteller, Dichter, Musiker, hunderte unabhängige Zeitungen, hunderttausende Bücher und wertvolle Musikstücke

 

Mein Leben war identisch wie das Leben aller Studenten in der Welt: Neben der Uni, lass ich gerne, hörte Musik und wollte die weite Welt kennenlernen

 

Nach der Niederlage von Süd-Vietnam am 30.4.1975 breiteten sich die Unterdrückung und der Terror als Rache in Süd VN aus. Die neue Regierung war ein totalitäres kommunistisches Regime mit kommunistischer Gewaltherrschaft  ohne die Legislative und ohne die Judikative. 

 

Das bedeutet: Ein Land ohne rechtsstaatliche Gesetze

 

Süd-Vietnam wurde ein großes Gefängnislager hinter einem eisernen Vorhang.

Bücher , auch Fachbücher und Literaturen  , wurden verbrannt, Musik wurde verboten, Menschen wurden willkürlich ohne juristische Verfahren verhaftet.  

 

Infolge der Umerziehungsmaßnahmen wurden hunderttausende männliche Südvietnamesen in Zwangsarbeitslagern eingesperrt, viele von ihnen wurden grausam zu Tode gefoltert. Deren Frauen und Kinder wurden aus ihren Wohnorten in sogenannte „neue ökonomische Zonen“ verbannt, wo sie praktisch vor dem Nichts standen.

 

Nach 3 Jahren politischer Schulung an der Universität hatte ich 1978 endlich eine Arbeitsstelle zugewiesen bekommen. 

 

Während der Arbeit im Krankenhaus wurde meine Enttäuschung und Frustration immer größer. Die Führungskräfte aus Nordvietnam waren schlecht ausgebildet, ihnen fehlte es vor allem Allgemeinbildung und Fachwissen.

Die Gedanken wurden in Anlehnung an den Marxismus und Leninismus geformt. Andersdenkende wurden nicht geduldet.   Es gab keine Perspektiven mehr für uns. 

 

Ein Mensch braucht nicht nur Essen und Trinken. Geist und Seele brauchen auch geistige Nahrung. Die Gedanken sind frei . Aber wenn die Gedanken sich nicht frei entfalten können und der Mensch tagtäglich nur ums Überleben kämpfen muss, sterben die Gedanken im Laufe der Zeit.

 

Da meine Lebensräume, sowohl privat als auch beruflich immer enger wurden, erstickte ich fast da drin . 

 

Für mich kam nur noch die Flucht in Frage.  Die Flucht bedeutet jedoch auch den Freitod in Kauf zu nehmen und die geliebten Menschen zurückzulassen.

 

Am 17 April 1979 flüchtete ich mit meiner damaligen Schulfreundin , die jetzt in Paris lebt. Wir waren insgesamt 297 Menschen auf einem Fischerboot.   Das Boot war ca.  18 m lang x 3 m breit . In diesen 4 Tage auf dem Meer wurden wir 2 x von thailändischen Piraten ausgeraubt, aber zum großen Glück wurden keine Mädchen und Frauen vergewaltigt. 

 

Am 21. April 1979 landeten wir am Strand von Kuala Trengganu. 3 Tage später wurden wir von der Organisation UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) auf die Flüchtlingsinsel Pulau Bidong gebracht. Auf der Insel betreute ich  freiwillig im Sick-Bay-Krankenhaus ca. hunderte vergewaltigte Frauen und Mädchen. Manche Opfer waren nur 13 Jahren alt  mit schweren genitalen Infektionen . 

 

Am 5 März.1981 landete ich mit einer Lufthansa Maschine in Berlin Tegel. Ich war allein.

 

In Berlin wurde ich zuerst in einem  Flüchtlingsheim untergebracht. Dort erhielt ich Deutschunterrichten über 8 Monate. 

 

 

Später heiratete ich . Nach der Geburt meiner 2. Tochter im Jahr 1983 wurde mein medizinisches Zeugnis  in Deutschland anerkannt. 

 

Meine erste Arbeitsstelle war das Westend Krankenhaus.  Seit 1986 bis zum  meinen Renteneintritt im September letzten Jahres, also  30 Jahre durchgehend ,  im Krankenhaus Bethel Lichterfelde  Menschen gedient .  

 

Hier in Berlin habe ich ein erfülltes Leben.  Ich kann mein Leben leben, so wie ich es für richtig halte, hier bleibt die Würde des Menschen unantastbar.

 

Ich lese viel, schreibe meine kleinen Beiträge, höre die Musik, die ich liebe, ohne Angst haben zu müssen verhaftet zu werden. Ich genieße das multikulturelle Leben und fühle mich vom Rechtsstaat beschützt.

 

 

Nach fast 40  Jahren sind  alle ehemalige vietnamesische Flüchtlinge deutsche  Bürger mit Immigrationshintergrund  geworden. Wir sind  in allen Bereichen fast voll  integriert. 

Nichtsdestotrotz  sehnen wir uns nach unserer Heimat. Wie sieht das Land heute aus – 42 Jahre nach Kriegsende in Vietnam

 

Langfristig sieht  Amnesty international keine Verbesserungen der Menschenrechte in Vietnam. Im Ausland werden Vietnamesen überwacht. Im Land selbst gehören die Menschenrechtsverletzungen zum Alltag. 

 

Vor 3 Wochen, am 5. April 2017 hat der Deutsche Richterbund seinen Menschenrechtspreis an den vietnamesischen Menschenrechtsanwalt Nguyen Van Dai verliehen. Herr Nguyen Van Dai setzt sich als Rechtsanwalt von Beginn an für die Einhaltung von Menschenrechte ein. Er saß mehrfach in Haft und ist aktuell seit Dezember 2015 im Gefängnis .  Seiner Frau wurde die Ausreise aus Vietnam verwehrt um den Preis entgegen zu nehmen. Daher musste der Preis vom Bundespräsident Steinmeier an einem Vertreter übergeben werden.

 

Neben den Menschenrechtsverletzungen häufen sich auch die Umweltkatastrophen in VN. Allein im Fall Formosa im April 2016 in Vung Ang Ha Tinh lagen tonnenweise tote Fische entlang der hundert Kilometer langen Küste der  Zentralprovinz. 

 

Die Existenz der Menschen wird dort durch die Vergiftung der Umwelt bedroht. Durch Korruption und Machenschaften werden die Umweltkatastrophe in VN vor den Internationalen Medien und Organisationen verharmlost oder sogar vertuscht.

 

Ich bitte Sie daher , bei allen Projekten mit Vietnam, sei es Entwicklungshilfe oder Joint Venture, immer darauf zu achten , dass Freiheit Demokratie und Menschenrechte Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen  stehen müssen.

Deutschland ist ein Musterland der Demokratie und Menschenrechte . Bitte exportieren Sie nicht nur Waren   , sondern auch die deutschen Werte für ein menschenwürdiges Leben.

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Ich bin eine Zeitzeugin von einer düsteren Epoche in der vietnamesischen Geschichte. Was ich Ihnen gerade gesagt habe, waren Worte aus meinem Herzen. Aus dem Herz eines ehemaligen Flüchtlings, der Freiheit und Demokatie liebt. 

 

Dr. med. Hoang Thi My Lam